Brasselsberg, der Stadtteil in dem wir leben

1946 – 2006
60 Jahre SPD-Brasselsberg

Grußwort

von Oberbürgermeister Bertram Hilgen

Freiheit. Gleichheit. Solidarität.

Die organisierte Sozialdemokratie blickt auf eine 143-jährige bewegte Geschichte zurück. Es waren Jahre des politischen Kampfes um Freiheit und Demokratie in Deutschland, in denen Sozialdemokraten unser Land mitgeprägt und mitgestaltet haben. Bis heute haben die sozialdemokratischen Grundwerte nichts von ihrer Aktualität und Bedeutung verloren. Uns Sozialdemokraten vereint eine Vision, die weit über den Tag hinausreicht.

Nach Beendigung des Krieges waren im zerstörten Deutschland politische Kräfte erforderlich, die sich der Verantwortung bei der demokratischen Neugestaltung stellten – im Großen wie im Kleinen, auf Bundes- wie auf der kommunalen Ebene. Vor 60 Jahren gründeten engagierte Frauen und Männer den SPD-Ortsverein Brasselsberg. Das erste eingetragene Mitglied war der spätere Hessische Ministerpräsident Georg August Zinn; ihm zur Seite standen die Stadträte Willi Goethe und Hans Nitsche. Weitere über die Grenzen unserer Stadt bekannten Persönlichkeiten waren Elisabeth Selbert, Mitglied des Parlamentarischen Rates, Fritz Hoch, Kassels erster Regierungspräsident nach dem Zweiten Weltkrieg, oder der Stadtälteste Christian Wittrock.

Die Gründer des Ortsvereins haben damals begonnen, an der Entwicklung des Stadtteils mitzuwirken und sich für die Belange der Bürgerinnen und Bürger einzusetzen. Sie halfen mit, den Charakter der "Gartenstadt" zu bewahren. Sie fühlten sich den Idealen und den Grundwerten verpflichtet, und standen dem Neuen aufgeschlossen gegenüber. Aus dieser Haltung kann auch heute Kraft und Zuversicht geschöpft werden.

In diesem Sinne danke ich allen Mitgliedern, die der SPD und dem Ortsverein die Treue gehalten haben und wünsche für die zukünftigen Aufgaben und Herausforderungen viel Glück und gutes Gelingen!

gez. Bertram Hilgen
Oberbürgermeister

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger des Brasselsberges!

Eine Umfrage würde ergeben: wir wohnen gern am Brasselsberg. Hier fühlen wir uns zu Hause, und hier wollen wir leben.

Warum ist das so?

Es gibt viele Antworten. Eine lautet: der Brasselsberg ist ein unverwechselbarer Stadtteil. Am Rande des Habichtswaldes gelegen, hat er ein ganz besonderes Flair. Wir gehören zur Stadt Kassel, haben aber keine großstädtischen Strukturen. Wir sind mit dem Umland verbunden, haben aber kein typisch dörfliches Leben.

Diese Besonderheit unseres Stadtteils ist in seiner Geschichte begründet. Noch im 19. Jahrhundert konnte man vom behördlichen Amtssitz in Wilhelmshöhe nur mit erheblichen Umwegen (über die Corbacher Straße von Nordshausen her) zu den zugehörigen und südlich des Habichtswaldes gelegenen Dörfern gelangen. Der Hauptfußweg zur Kirche nach Wahlershausen führte über den Gnadenweg, was den Namen erklärt. 1870/71 wurde durch den Bau der Bergstraße durch französische Kriegsgefangene (heute: Konrad-Adenauer-Straße) der Brasselsberg erschlossen. Gemarkungsmäßig gehörte er zu den Gemeinden Nordshausen, teilweise auch zu Oberzwehren und Niederzwehren.

 

Nachdem an dieser neuen Straße eine Poststation und Gasthäuser (z.B. Steinernes Schweinchen) errichtet waren, entstand die als Gartenstadt bezeichnete Villenkolonie Brasselsberg.

Die Motive, die zur weiteren Besiedlung führten, dürften insbesondere in der landschaftlich schönen Lage am Rand des Habichtswaldes und in dem unverbauten Ausblick über das gesamte Kasseler Becken zu suchen sein. Zunächst hatte die Bebauung unmittelbar östlich der Bergstraße begonnen, sie erstreckte sich dann fortschreitend hangabwärts in Richtung Nordshausen.

Zu den eigentlichen Gründern des Brasselsbergs gehören der Kunsthandwerker Mades, der 1900 das Pferdekopfhaus (die Pferdeköpfe von Johann August Nahl d.Ä.) erbaute, und Sanitätsrat Wiederhold, dessen Gutshof mit der Kuranstalt in Wilhelmshöhe verbunden war (Reste davon heute: Katharina-Wittenburg-Haus des Blauen Kreuzes, ab 1911 "Töchterheim am Brasselsberg"). 1906 kam das Schwälmerhaus dazu, das vorher im Rahmen der "Gewerbe-Ausstellung Cassel 1905" in der Karlsaue stand. Die Architekten Eubell und Rieck prägten ab 1902 das Bild unserer Gartenstadt, indem sie Landhäuser nach dem System der englischen Cottages errichteten.

Am 2. September 1904, dem Sedanstag, wurde der Bismarckturm, das Wahrzeichen unseres Stadtteils, feierlich eingeweiht. Von besonderer Bedeutung war auch der Bau der Brasselsbergbahn. Sie diente zunächst als Zubringer entlang der Bergstraße zur Herkulesbahn im Druseltal. Mit ihrer Inbetriebnahme im Jahre 1911 wurde eine günstige Verkehrsverbindung zum Kasseler Stadtzentrum geschaffen.

1919 schrieb der Heimatdichter Gustav Wentzell

"Brasselsberg mit all den Reizen, holder Frieden, weltentrückt,
Bunte Gärten stolz sich spreizen, jedes Landhaus mich entzückt ..."

Übrigens: Noch vor dem 1. Weltkrieg wurde " " wie sauer Bier angeboten, der Quadratmeter für 1 - 5 Mark, versprochen wurden: "Quellwasserleitungen, elektr. Lichtanlage, elektr. Straßenbahn in direkter Verbindung mit Kassel, Wohnen teilweise im eigenen Walde..."

Kein Wunder, dass seitdem unser Stadtteil wächst. Im Adressbuch von 1914 sind etwa 50 Familien genannt, 1939 sind es schon ca. 250. 2004 wohnten 4.003 Einwohner am Brasselsberg..

Und heute?

Wir merken alle dass der Brasselsberg ,im Lauf der letzten Jahre ein anderes Aussehen bekommt. Im Sandbuschweg und im Weidenbuschweg wird das zur Zeit besonders deutlich. Es entstehen moderne großflächige Wohnanlagen. Die Gartenstadt verändert sich. Zu ihren Gunsten? Die SPD Brasselsberg hat diese Entwicklung mit kritischer Anteilnahme und Engagement verfolgt.

Vor 60 Jahren - im Juni 1946, ein Jahr nach dem Krieg - wurde der Ortsverein Kassel-Brasselsberg gegründet. Seither versuchen wir, gewachsene Strukturen, wie sie am Brasselsberg bestehen, mit den Erfordernissen unserer Zeit in Einklang zu bringen. Das ist nicht immer einfach. Dabei gehen wir davon aus, dass es wichtig ist, in der Vergangenheit Bescheid zu wissen, wenn man die Zukunft gestalten will.

Das ist der Anlass für unsere kleine Schrift, die wir allen Bürgerinnen und Bürgern statt der sonst üblichen Wahlkampffloskeln vorlegen. Wir wollen die Freude über unser 60jähriges Jubiläum verbinden mit einem interessierten Blick zurück. Wie sah es früher am Brasselsberg aus? Wie verlief hier das ganz normale Leben?

Wir haben bei unseren Recherchen viele ältere Menschen befragt. Wir haben amtliche Dokumente eingesehen und vorhandene Literatur benutzt. Trotzdem werden Sie, liebe Brasselsberger, einiges vermissen oder vielleicht Fehler entdecken. Teilen Sie uns das mit. Für jede Anregung sind wir dankbar.

Wie sah - modern formuliert - die Infrastruktur am Brasselsberg aus?

Da der Motorisierungsgrad damals gering war und eine Fahrt nach Cassel / Kassel eher einer Überlandfahrt glich, gab es viele Geschäfte am Brasselsberg.

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Lebensmittel waren zu kaufen bei Feinkost Schaumlöffel (Brasselsbergstraße/ Ecke Schwarzer Weg), Kruhm (am Löschteich; Brasselsbergstraße/ Bilsteiner Born), Wutschke (Ritzsches Haus, Bilsteiner Born), Grede (Nordshäuser Straße). Heute haben wir zum Glück noch "das Rewe" (Ritter, Starke), früher "das Edeka" (Ehepaar Büchling).

Die Milch wurde damals noch in Milchkannen abgefüllt bei Bluthe (Brasselsbergstraße), bei Fresenius (Auf den Siechen) und bei Sadtkowsky (Wiederholdstraße). Brot und Brötchen... gab es in der Bäckerei Krug (heute Silber). Fleisch und Wurstwaren waren einzukaufen bei Grede (s.o.), Seebach (Bergstraße/ Siedlerweg), Heinrich (Ahrensbergstraße). Drogerieartikel erhielt man bei Familie Groh (Schwarzer Weg), anschließend Schwalm. Tabakwaren waren *in den Vogelwiesen erhältlich. Lampen suchte man bei Klussmann aus (Brasselsbergstraße/ Mühlbachweg); ein Strumpfgeschäft durfte nicht fehlen (Bergstraße/ Schwarzer Weg). Schuhe flickten Schuster Waitz (Nordshäuser Straße) und Schuster Siebert (Bilsteiner Born 9), hier gab es auch noch Schulbedarf und eine gut frequentierte Leihbücherei (Zane Grey, Tarzan ... ). An der Endstation der Brasselsbergbahn kamen viele nicht an der Trinkhalle Müller vorbei. Hier gab es Flachmänner, Zigarren... Anni Fette betrieb einen Kiosk im Alten Luisenhaus.

Da sich im unteren Bereich des Brasselsbergs einige Gewächshäuser ausbreiteten, fehlten auch Gärtnereibetriebe nicht: Spohr (Bilsteiner Born), Schaub (Am Hahnen /Eichholzweg), Otto Fremder (Sandbuschweg 3), Gabriel (Eichholzweg; heute Preisker-Weber).

Anders als heute gab es früher viele Möglichkeiten zur Einkehr.

Da war die Gaststätte Zur Dönche (heute Stilbruch), das Café Hubertus (EIgershäuser Straße), Café Schumann (Bergstraße). Es schlossen sich an: Gaststätte zum Bismarckturm (heute Chinese), Gasthaus Henkes/ Gasthaus Brasselsberg, Steinernes Schweinchen (früher Udets Lust, Gastwirt Köther, danach Rossi; später zeitweise Asylantenheim), Gasthaus Hemmerich (Schwengebergstraße; hier wurde 1946 die SPD Brasselsberg gegründet), Café Lohse (Brasselsbergstraße 1), Café Talblick (Nordshäuser Straße/ Auf den Siechen). Dann war da noch die  Zeche Marie; hier konnten 200 Besucher in den Gasträumen 450  auf der Gartenterrasse Platz finden (Familien können hier Kaffee kochen") und das Gasthaus Zur Erholung (Seligs Obstplantage, Gastwirt Keim). Wer auf Kneipentour war, stimmte in den Vers ein: "Henkes, Köther, Keim, dann geh'n mer wieder heim."

Natürlich wurde nicht nur für das leibliche Wohl gesorgt.

Am 12.10. 1952 wurde die Emmaus-Kirche eingeweiht. Drei Jahre später folgten Gemeindesaal und Glockenturm. Vorher gehörten die evangelischen Christen unseres Gebietes zu den Pfarreien Nordshausen und Niederzwehren, gingen aber üblicherweise zur Christuskirche nach Wilhelmshöhe. Ab 1938 entwickelte sich eine eigene Gemeinde, die sich nach dem Krieg in einer Notkirche, der Kulturhalle Brasselsberg in der Wiederholdstraße, einer Baracke der amerikanischen Besatzungstruppen, zu den Gottesdiensten versammeln konnte. Erster Pfarrer an der neuen Kirche war Hermann Schwemer (bis 1970, dann Ernst Wittekind), bis 1955 befand sich das Pfarrhaus in der Wiederholdstraße, dem Schwarzen Weg (hier wurden im Keller des Pfarrhauses die Pfadfinder gegründet) und Gnadenweg 8. Die Katholiken orientierten sich zur Fatima-Gemeinde.

Als das Buchholzsche Haus (Wiederholdstraße 22) frei wurde, wurde hier auf Antrag der SPD ein Kindergarten eingerichtet (1.3.1976), der 1999 in sein jetziges Domizil umzog (Nordshäuser Straße/ Birkenkopfstraße).

Eine Grundschule befand sich in einer Holzbaracke (Brasselsbergstraße 8); seit 1973 fahren unsere Kleinen zur Heidewegschule. Zu erwähnen sind auch noch die v. Hartungsche Privatschule (Kuhbergstraße) und das Privatgymnasium Wilhelmshöhe im "Steinernen Schweinchen". Die Schüler wohnten in der Zeche Marie.

Die eben genannte Kulturhalle Brasselsberg diente schon ab 1946 als Kino, es wurden Versammlungen abgehalten etc. Hier tagte auch der damalige Verwaltungsausschuss, dessen Vorsitzender damals Fritz Catta war.

Ab November 1956 hatten die Brasselsberger eine eigene Sparkasse, eine Zweigstelle der Kasseler Stadtsparkasse, die sich im Haus Nordshäuser Straße 37 befand (Frau Diering, langjähriges Mitglied der SPD). 1970 zog die Sparkasse, zeitweise drohte eine Schließung, in den Bilsteiner Born, heute hat sie sich im Nachbarhaus eingerichtet.

Telefonieren konnten die Brasselsberger schon ab 1910. Im Gasthaus zum Bismarckturm gab es einen Hauptanschluss und drei (andere Quelle: fünf) Nebenanschlüsse! 1933 wird eine Postamtsstelle im Ritzschen Haus (Bilsteiner Born), eingerichtet. Natürlich gab es da auch eine öffentliche Fernsprechstelle. Unvergessen ist der Polizist Butterwegge, der für den Kuh- und Brasselsberg zuständig war.

Die Herkulesbahn, die ein Depot an der Druseltalstraße hatte, stellte 1961 den Güterverkehr ein, d.h. den Transport der Braunkohle. Zum Leidwesen vieler wurden die gesamten Bahnanlagen abgebaut. Seitdem wird unser Stadtteil durch den Omnibusbetrieb der KVG versorgt. Übrigens: Geheizt wurde am Brasselsberg mit Braunkohle, die bis 1944 mit Pferdegespannen von der Zeche Marie angeliefert wurde. Die Zeche Marie wurde 1967 still gelegt.

Am Brasselsberg war kein Platz für große Politik. Aber es gab doch eine Reihe interessanter/ wichtiger Ereignisse. So soll Kaiser Wilhelm II. während der Sommerfrische" von Wilhelmshöhe kommend, auf den Rehwiesen (nahe 7 Teiche) Picknick gemacht haben. - Im Frühjahr 1945, als die Amerikaner kamen, wurde auf dem Bismarckturm (aus politischen Gründen später: Brasselsbergturm) eine weiße Fahne gehisst. Wenige Tage darauf hatten Fanatiker die NS-Fahne aufgezogen. Die Fahne wurde von den Amerikanern mit einem Geschütz vom Turm geschossen. Dabei wurde die Brüstung des Turmes stark beschädigt.  Die Amerikaner griffen hart durch und nahmen einige Männer als Geiseln. In der Uhlenhorststraße hatten die Amerikaner ein Gefängnis eingerichtet. Was aus den Männern geworden ist, ist nicht bekannt. In dieser Zeit gab es am Brasselsberg Plünderungen durch befreite Zwangsarbeiter. Übrigens: Die Nazis benutzten Gnadenweg 5-7 als Gauleiterhaus. Hier gab es ab 1957 eine einmalige Einrichtung in Deutschland: die Fachschule des deutschen Tapetenhandels. Später war hier ein Asylantenheim.

Im Haus Birkenkopfstraße 2 wohnte nach dem Krieg der spätere hessische Ministerpräsident Georg August Zinn, später Bilsteiner Born 7. Auch Elisabeth Selbert war Brasselsbergerin (Konrad-Adenauer-Straße 79). Im Rosental 27 wohnte der Kunsthochschulprofessor Hermann Mattern, der anlässlich der Bundesgartenschau 1955 die Wiederherstellung der kriegszerstörten Karlsaue und die Umgestaltung des Trümmerschutthanges an der "Schönen Aussicht" in den Rosenhang vornahm. In der Kuhbergstraße 47 steht das Atelierhaus von Oscar Blase, der lange Jahre an der Kunsthochschule wirkte. Er schuf zahlreiche Briefmarkenentwürfe, die Logos mehrerer documenten und prägte lange Jahre des Erscheinungsbild des Aussenauftritts des Kasseler Staatstheaters.

Ebenfalls zum Stadtteil Brasselsberg gehören das Rosental und der sogenannte Kuhberg. Er liegt zwischen Habichtswald, Druseltalstraße, Marbachshöhe, dem Holzgarten und der Dönche. Seinen Namen erhielt er, ebenso wie der Brasselsberg, von dem Berg auf dessen Osthang er liegt.

Oberhalb des Depots der Herkulesbahn, zwischen den Bahngleisen und der Schauenburgstraße, befanden sich dort nach dem Krieg die Baracken eines Flüchtlingslagers. Bereits vor dem Krieg wurde in der Ahrensbergstraße, direkt neben dem Grundstück, auf dem sich heute das "Hospiz Kassel" befindet, einer der wenigen in Kassel errichteten Hochbunker gebaut.

Das Hospiz befindet sich im Gebäude des ehemaligen evangelischen Gemeindezentrums der Christuskirche. Dieses Gemeindezentrum lag im Gebiet der Emmauskirchengemeinde und war für die teils zur Christuskirche, teils zur Emmauskirche gehörenden Bewohner der in der Nähe liegenden Seniorenheime gedacht. .Diese Heime waren das direkt gegenüberliegende Luisenhaus der Mathilde-Zimmer-Stiftung an der Konrad-Adenauer-Straße, das benachbarte Stiftsheim in der Ahrensbergstraße und das etwas entfernter im Stadtteil Wilhelmshöhe liegende heutige Augustinum. Bis in die 60er-Jahre befand sich auf der Ecke Im Druseltal/Konrad-Adenauer-Str.. Im später abgerissenen alten Luisenhaus, ein Mädchenpensionat ("Töchterheim") der Mathilde-Zimmer-Stiftung.

Zwischen dem Bunker und dem Stiftsheim war lange Jahre der Agfa-Umkehrdienst angesiedelt. Seit dessen Schließung ist dort das Feinkostgeschäft Lottermoser.

In der Firnsbachstraße, zwischen Schauenburg- und Ahrensbergstraße befand sich bis in die 60er-Jahre das Studio Kassel des Hessischen Rundfunks. Für die Sicherheit war nach der Auflösung des Polizeipostens im Siedlerweg das Polizeirevier in der Kuhbergstraße zuständig.

Auf dem Eckgrundstück Monteverdi-/Druseltalstraße wurde in den 60er-Jahren ein Wirtschaftsgymnasium errichtet. Später beheimatete dieses Gebäude den Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Gesamthochschule Kassel. Nach dem Umzug dieser Hochschuleinrichtung an den Holländischen Platz wurde das Gebäude abgebrochen. Heute steht dort das moderne, von der EAM errichtete Verwaltungsgebäude.

Zum Abschluss dieses Teils eine Gegenüberstellung alter und neuer Straßennamen. Die neuen Straßennamen waren nach der Eingemeindung 1936 erforderlich. Die Hausnummern wurden ab 1926 nicht mehr von der Entstehung her durchgezählt, sondern waren nun auf die Straßen bezogen.

alt neu
Hasenhecke Schwengebergstraße
Turmstraße Birkenkopfstraße
An den Bergeswiesen Bilsteiner Born
Bergstraße  Konrad-Adenauer-Straße
Mittelstraße Brasselsbergstraße
Waldstraße Uhlenhorststraße

Blick vom Bismarckturm

Gestaltung der Zukunft

Der Stadtteil Brasselsberg befindet sich nach langen Jahren relativer Ruhe im Umbruch. Die Generation, die in den 50er- und 60er-Jahren für eine rege Bautätigkeit gesorgt hatte, nimmt Abschied von unserem Stadtteil. Alte Menschen geben ihre Häuser und Grundstücke auf und ziehen ins Altersheim oder in die Nähe ihrer auswärts wohnenden Kinder. Kinder dieser Generation, die längst in andern Teilen des Landes ansässig geworden sind und den Gedanken an einen Wohnsitz in Kassel aufgegeben haben, verkaufen. Diese Eigentümerwechsel sind oft mit einschneidenden Veränderungen verbunden.

Diese Änderungen werden von den alteingesessenen Einwohnern um so stärker empfunden, als es in der jüngeren Vergangenheit, außer in dem neu ausgewiesenen Baugebiet zwischen Weidenbuschweg und Gänseweide sowie auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Schaub, am Brasselsberg keine nennenswerte Bautätigkeit gegeben hat. Einigen kommt diese Entwicklung sogar bedrohlich vor und sie haben Angst, dass die hohe Wohnqualität des Stadtteils verloren geht.

Worin besteht die Wohnqualität des Brasselsberges?

Unbestritten durch seine Lage am Südwestrand der Stadt, umgeben von Feldern, Wald und Grünzügen und die vielen großen Bäume auf den Privatgrundstücken, die dafür sorgen, dass ein Blick vom Bismarckturm den Brasselsberg weitgehend als einen Wald mit einzeln darin stehenden Häusern zeigt. Außerdem aber auch in der für einen relativ kleinen, isoliert liegenden Stadtteil hervorragenden Versorgung mit öffentlichen und privaten Dienstleistungen. Ohne Bäckerei, Lebensmittelladen, Sparkasse und Postagentur und ohne eine gute Verbindung zur Innenstadt würde unser Stadtteil viel von seiner Attraktivität verlieren. Ziel einer verantwortungsvollen politischen Arbeit in unserem Stadtteil muss sein, beide Aspekte nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Dienstleistungsangebot kann es aber nur dort geben, wo eine ausreichende Nachfrage vorhanden ist. Es darf nicht übersehen werden, dass sich die Angebote am Brasselsberg immer in Konkurrenz zu denen in der Innenstadt und den benachbarten Stadtteilen befinden. Sie waren bereits mehrfach in ihrer Existenz gefährdet.

Unser erfolgreiches Engagement für den Erhalt des Lebensmittelladens, der Sparkassenfiliale oder die Wiedereinrichtung der Postagentur zeigen, dass beharrliches Eintreten für die Belange des Ortsteils oft von Erfolg gekrönt ist aber auch welche Schwierigkeiten es dabei zu überwinden gibt. Das Hauptargument für geplante Schließungen war stets der geringe Umsatz. Die Nachfrage hängt stark mit Einwohnerzahl und Bevölkerungsstruktur zusammen. Rentabilitätsüberlegungen sind nicht nur ausschlaggebend für die Standortentscheidungen Privater Investoren, sondern in Zeiten knapper Finanzmittel auch für die Träger öffentlicher Einrichtungen zwingend.

Bei dem Wunsch, möglichst alle Veränderungen in der Siedlungsstruktur zu vermeiden und gleichzeitig die derzeitige Versorgungsqualität beizubehalten oder gar zu verbessern, handelt es sich um einen Zielkonflikt, den sich viele Mitbürgerinnen und Mitbürgern nicht verdeutlichen. Zugespitzt formuliert lauten die kontroversen Ziele: "Siedlungsmuseum oder dynamisch wachsender Stadtteil mit Zukunft?" Eine Frage, die individuell sehr unterschiedlich beantwortet werden kann. Verantwortliches Handeln schließt jedoch die Entscheidung für beide Extreme aus.

Vor diesem Hintergrund lauten die Fragen vielmehr:

Worin besteht die Qualität unseres Stadtteils und wie unterscheidet er sich von andern Teilen der Stadt Kassel oder umliegender Ortschaften?
Wie soll es am Brasselsberg in 20 oder 30 Jahren aussehen?
Wie viel Wandel verträgt der Brasselsberg, ohne seine Struktur zu verlieren?
Welche Angebote sind am Brasselsberg als Grundausstattung erforderlich?
Wie viel Entwicklung ist notwendig, um eine ausreichende Nachfrage nach öffentlichen und privaten Dienstleistungen langfristig zu sichern?
Wie und in welchen Zeiträumen kann und muss dies umgesetzt werden?.

Alle diese Fragen lassen sich nicht aus dem Stegreif beantworten. Ihre Antwort lässt sich nur in einem auf sachliche Informationen und Argumente abgestützten, öffentlichen Diskussionsprozess unter Einbeziehung der Bevölkerung und der zuständigen Entscheidungsträger finden. Das Ergebnis dieses Diskussionsprozesses muss als Ortsteilentwicklungsplan vom Ortsbeirat als demokratisch legitimiertem Vertretungsorgan der Einwohner beschlossen und der Stadtverordnetenversammlung als Satzung beschlossen werden. Dieser Entwicklungsplan stellt dann für die Verwaltung einen bindenden Rahmen dar, nach dem sich alle zukünftigen Bebauungspläne und Einzelbaugenehmigungen zu richten haben.

Die Vorteile einer solchen Entwicklungsplanung liegen auf der Hand: Das öffentlich-rechtliches Planungsverfahren sichert durch seine vorgeschriebenen Formen der Bürgerbeteiligung die Teilhabe einer breiten Öffentlichkeit am Diskussionsprozess und die Einbindung der Gremien und politische Verantwortlichen in die Entscheidung. Für Investoren und Verwaltung existiert ein verlässlicher Entscheidungsrahmen, der Planungssicherheit schafft. Der verbindliche Rahmenplan vermeidet situationsbedingte Entscheidungen der Genehmigungsbehörden, die oft als Willkür mißverstanden werden. Dem zeitweilig in Bürgerinitiativen und Unterschriftensammlungen artikulierten Unbehagen anläßlich von Neubauvorhaben wird so die Grundlage entzogen, was letztlich ein harmonisches Miteinander von Alt- und Neubürgern fördert. An die Stelle von Intransparenz und Mißtrauen treten Transparenz, Rechtssicherheit und. Vertrauen.

Der SPD-Ortsverein Brasselsberg tritt deshalb für folgende Ziele ein:

Einbeziehung der Bürger in alle wichtigen Entscheidungen 
Erweiterung der Kompetenzen des Ortsbeirates Aufstellung eines Entwicklungsplans für den Brasselsberg
Umgestaltung des Platzes vor der Emmauskirche zu einem liebenswerten Ortsteilzentrum
Ausbau und Erhalt der Einkaufsmöglichkeiten
Schutz des Gartenstadtcharakters des Brasselsberges
Sicherung einer guten Nahverkehrsanbindung
Aufschüttung eines Lärmschutzwalles an der Autobahn

Vorsitzende des Ortsvereins

1946 - 1952  Erwin Krüger
1953 - 1965  Hans von Bergen
1966 - 1968  Horst Echt
1969 - 1990  Heinrich Schmoll
1991  Manfred Kimm
1992 - 1994  Heinrich Schmoll
1995  Friedrich Junker
1996 - 1998  Elke Barthel
1999 – 2001  Dr. Alexander Gagel
seit 2002  Eberhard Siebert
 

Bedeutende Mitglieder

Der SPD-Ortsverein Kassel-Brasselsberg kann mit Stolz darauf hinweisen, dass seit seiner Gründung hervorragende Sozialdemokraten, die in hohen Staats- und Parteiämtern Vorbildliches in Hessen in den schwierigen Jahren nach dem Zusammenbruch Deutschlands geleistet haben, Gründer des Ortsvereins waren. Wenn auch Mitgliedsdauer und Anteil der führenden Genossen an der Ortsvereinsarbeit aus verschiedenen Gründen unterschiedlich gewesen sein mag, so verdankt der Ortsverein diesen Genossinnen und Genossen jedoch eine außerordentliche Bereicherung in der politischen Arbeit.

Unsere Mitgliederliste weist aus: unter den Mitbegründern des Ortsvereins Brasselsberg finden sich die Namen

Dr. Georg-August Zinn,
Willi Goethe und
Hans Nitsche,

Persönlichkeiten, die sich über Jahrzehnte, schon in der Weimarer Republik, für die politischen und sozialen Ziele der deutschen Sozialdemokratie eingesetzt haben und während der Nazidiktatur viel Leid ertragen mussten.

Weitere bedeutende Sozialdemokraten sind oder waren Mitglieder unseres Ortsvereins:

Dr. Fritz Hoch,
Christian Wittrock und
Dr. Elisabeth Selbert

Im folgenden berichten wir über diese Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die weit über die Grenzen des Ortsvereins und über die der Stadt Kassel hinaus politische Bedeutung gewonnen haben.

  

Dr. Georg-August Zinn

Hessischer Ministerpräsident 1950-1969
Hessischer Minister der Justiz 1945-1949
Mitglied des Parlamentarischen Rates 1948/49
Mitglied des hessischen Landtages 1954-1970
 

Dr. Georg-August Zinn, ohne Zweifel die hervorragendste politische Persönlichkeit Hessens nach 1945, ist der Begründer des Ortsvereins Brasselsberg, zusammen mit den Stadträten Willi Goethe und Hans Nitsche. Zinn hatte Zeit seines Lebens eine enge Verbindung zur Stadt Kassel. 1920 legte er in Kassel die Reifeprüfung ab, nach dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften ließ er sich 1931 als Rechtsanwalt in Kassel nieder, wurde sozialdemokratischer Stadtverordneter und führte couragierte Kontroversen mit den Vertretern der Nationalsozialisten im Stadtparlament. Nach dem Zusammenbruch 1945 begann die außergewöhnliche politische Laufbahn Georg-August Zinns. Bereits 1945 war er Justizminister in der hessischen Landesregierung. Bei der ersten Bundestagswahl 1949 wurde er als Vertreter des Kasseler Wahlkreises in den Bundestag gewählt. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung des Landes Hessen sind von ihm mitgestaltet worden. Als 49-jähriger avancierte er zum Ministerpräsidenten des Landes Hessen.

In den 19 Jahren seiner Regierungszeit baute er das moderne Hessen. Charakteristisch hierfür ist die Einführung der Schulgeld- und Lehrmittelfreiheit, der Mittelpunktschulen, der Dorfgemeinschaftshäuser und der Soziale Wohnungsbau.

Durch seine erfolgreiche Regierungspolitik wuchsen die einzelnen Landesteile Hessens zu einer Staatsgemeinschaft zusammen, in den Landtags- und Bundestagswahlen gewannen die Sozialdemokraten bis zu 50% der Stimmen. Die Städte Kassel, Wiesbaden und Frankfurt machten ihn zum Ehrenbürger. Als Politiker und Mensch hat Georg-August Zinn, der am 27. März 1976 verstarb, für die Landespolitik beispielhafte Maßstäbe gesetzt.

Die SPD Hessen hat nach ihm ihren Wissenschaftspreis benannt. Er wird für herausragende rechts-, sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Arbeiten in den Bereichen Staats- und Verfassungsrecht, Bürgerrechte, Demokratietheorie, Bekämpfung des politischen Extremismus sowie Wirtschafts- und Sozialpolitik vergeben. Er ist mit einem Preisgeld in Höhe von 5.000 € dotiert.

Brasselsberger Bürger war er von 1946 bis zum 15.4.1951. Er wohnte zunächst in der Birkenkopfstraße 2, später am Bilsteiner Born 7.

   

Willi Goethe

Stadtältester
gehörte zu den Mitbegründern des Ortsvereins
 

Willi Goethe, geboren am 12. Februar 1885 in Hann. Münden, kam nach der Schulzeit als Schlosserlehrling zu Henschel nach Kassel.

Seit 1920 gehört Willi Goethe der SPD an. Von 1928-1933 war er Stadtverordnetenvorsteher, nach heftigen Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten wurde er nach 1933 in ,,Schutzhaft" genommen und schwer misshandelt.

Von 1939-1942 erlebte er die Schrecken des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Nach 1945 nahm er seine politische Arbeit wieder auf: seit 1946 war er Stadtverordneter und ab 1950 Stadtrat und Feuerwehrdezernent, der sich mit großer Sachkenntnis und Erfolg für die Verbesserung des Feuerlöschwesens einsetzte. Willi Goethe hat 18 Jahre lang dem Magistrat angehört. Er starb am 22. Oktober 1969.

Mit Recht kann man sagen: er hat jahrzehntelang für die Ideale einer freiheitlichen und sozialen Demokratie gekämpft. Für seine politische Überzeugung hat er gelebt und gelitten.

  

Dr. Fritz Hoch

Regierungspräsident a.D.

Dr. Fritz Hoch, Kassels erster Regierungspräsident nach dem 2. Weltkrieg, wohnte von 1946 bis zum 19.9.1961 am Brasselsberg und war in dieser Zeit Mitglied unseres Ortsvereins. Als Sohn des Reichstagsabgeordneten Gustav Hoch in Zürich geboren, kam er nach seiner juristischen Ausbildung 1932 als Dezernent zur Behörde des Oberpräsidenten in Kassel.

Nach dem Zusammenbruch bestellte die amerikanische Militärregierung ihn bereits am 10. Mai 1945 zum Oberpräsidenten von Kurhessen. 1948 erfolgte die Berufung zum Regierungspräsidenten. Dieses Amt hat er bis zu seiner Pensionierung 1961 in eindrucksvoller Weise geleitet. Durch seine hervorragende Sachkenntnis, seinen politische Weitblick und durch seine persönliche Integrität hat er dem Amt des Regierungspräsidenten in Kassel Anerkennung in weiten Kreisen der Öffentlichkeit verschafft. Dr. Fritz Hoch hat in den Nachkriegsjahren zahlreiche Ämter wahrgenommen. So war er als Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung in Wiesbaden und im Parlamentarischen Rat maßgeblich an der Ausarbeitung des Grundgesetzes der Bundesrepublik beteiligt.

Darüber hinaus bekleidete Dr. Hoch mehrere Ehrenämter, unter anderem beim Roten Kreuz, in der Erwachsenenbildung und beim Hessischen Rundfunk. Auch in den Aufsichtsräten der Hessischen Heimstätte und der Kurhessen Wohnungsbaugesellschaft war er vertreten.

Besonderen Dank schuldet ihm die Stadt Kassel. Er förderte u.a. tatkräftig den Neubau des Staatstheaters und beteiligte sich an der Gründung der documenta. Der für seine Verdienste um Kassel und Nordhessen mehrfach mit hohen Auszeichnungen bedachte Regierungspräsident Dr. Hoch genoss weitgehend über den Kreis seiner politischen Freunde hinaus hohe Wertschätzung, ja Verehrung. Er starb im Jahre 1984.

  

Christian Wittrock

Stadtältester
 

 

Christian Wittrock, geboren am 2. November 1882 in Kassel, wohnte seit 1946 an den Vogelwiesen; er trat als 18-jähriger 1900 in die SPD ein, der er lebenszeitlich gedient hat. Von 1918 an war er Mitglied des Preußischen Staatsrates.

1933 zwangen ihn die Nationalsozialisten alle Ämter niederzulegen. Fast 6 Jahre des NS-Regimes verbrachte er in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Oranienburg. Aus dem KZ befreit, widmete er sich sofort wieder dem politischen Leben. Seit 1946 war er Mitglied des Landtages und dessen Vizepräsident. Dem Stadtparlament Kassel stand er über ein Jahrzehnt vor. Christian Wittrocks Verdienste um die demokratische Selbstverwaltung nach 1945 wurden durch seine Ernennung zum Stadtältesten besonders gewürdigt. Der verdienstvolle Kommunalpolitiker verstarb im Jahre 1967.

  

Hans Nitsche

Stadtrat
 

 

Ebenfalls ein Mitbegründer unseres Ortsvereins. Nitsche, am 30. November 1893 in Obersuhl geboren, verlor früh seine Eltern und verlebte seine Kindheit im Kasseler Waisenhaus. Nach Beendigung seiner Schulzeit erlernte er das Schmiede- und Schlosserhandwerk und arbeitete anschließend in der Henschel-Lokomotivfabrik in Kassel. Schon 19~2 war Nitsche der SPD beigetreten. 1924 wurde er Stadtverordneter und 1928 ehrenamtlicher Stadtrat, dem damals auch die Betreuung der Kriegsbeschädigten oblag.

Nitsche hatte beim Kriegseinsatz im 1. Weltkrieg eine schwere Kieferverletzung erlitten. Damals entschied er sich, sich künftig in seinem sozialen Handeln besonders der kriegsbeschädigten Kameraden und der in Not geratenen Menschen anzunehmen. Hans Nitsche ist Mitbegründer und langjähriger Präsident des Verbandes der Kriegsbeschädigten, Hinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands (VdK). In dieser Funktion hat er sich große Verdienste erworben. Zeit seines Lebens war er ein hilfsbereiter Mensch und für soziale Fragen stets aufgeschlossen, da er selbst in früher Jugend die Not am eigenen Leibe kennengelernt hatte.

  

Dr. Elisabeth Selbert

Mitglied des Parlamentarischen Rates 1948/49
 

 

Frau Dr. Selbert, Rechtsanwältin und Notarin, wohnhaft ab August 1951 in der Bergstraße 79 (später Konrad-Adenauer-Straße), geboren am 22. September 1896, Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt Kassel, war ein hochgeschätztes Mitglied unseres Ortsvereins.

Die Ehrenbürgerrechte erhielt Frau Dr. Selbert 1984 vor allem für ihren jahrzehntelangen Kampf für die Gleichberechtigung der Frau und für ihr politisches Engagement in der Sozialdemokratie für ihre Vaterstadt Kassel. Ihr Lebensweg ist ungewöhnlich:

Am 22. September 1896 in Kassel geboren. Nach Beendigung ihrer Schulausbildung mit der mittleren Reife arbeitete sie als Telegraphenbeamtin. 1920 heiratete sie und legte 6 Jahre Später für die damaligen Verhältnisse völlig ungewöhnlich, als Externe am Oberlyzeum in Kassel das Abitur ab. Als Mutter von 2 Söhnen absolvierte sie anschließend das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Marburg und Göttingen. Mit dem Thema ,,Ehezerrüttung als Ehescheidungsgrund" promovierte sie 1930. Nach Ablegung des Assessorenexamens nahm sie ihren Beruf als Rechtsanwältin auf, den sie mehr als 40 Jahre, noch über ihren 80. Geburtstag hinaus, ausübte. 1918 trat Elisabeth Selbert in die SPD ein und nahm 1921 an der ersten Reichsfrauenkonferenz teil. Während der Weimarer Republik war sie Mitglied der Gemeindevertretung in dem damals noch selbständigen Niederzwehren, von 1946-1952 war sie Stadtverordnete in Kassel.

Wie schon andere führende Politiker der Nachkriegszeit gehörte Frau Dr. Selbert der Verfassunggebenden Versammlung des Landes Hessen und bis 1958 dem Hessischen Landtag an. 1948/49 war sie Mitglied des Parlamentarischen Rates. Hier hat sie die spätere Rechtsentwicklung zur verfassungsrechtlichen Gleichberechtigung der Frau entscheidend mitgeprägt. Bis 1958 war Elisabeth Selbert aktiv im SPD -Parteivorstand aktiv tätig. Hier leitete sie viele Jahre den rechtspolitischen Ausschuss. Die Hessische Landesregierung schuf 1982 den ,,Elisabeth-Selbert-Preis", der für besonders gute journalistische und wissenschaftliche Arbeiten zum Thema "Gleichberechtigung von Mann und Frau" vergeben wird.

Elisabeth Selbert ist Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes und des Wappenrings der Stadt Kassel.

Am 9. Juli 1986, wenige Monate vor Vollendung ihres 90. Lebensjahres, verstarb die hochgeschätzte Politikerin. Ihr Vorbild als Mensch und engagierte Demokratin wird im Ortsverein Brasselsberg lebendig bleiben.

Im Jahre 1987 widmete ihr die Deutsche Bundespost eine Briefmarke in der Dauerserie "Frauen der deutschen Geschichte".